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Anfangs verständigen wir uns mit Gesten und Mimik

12. März 2023  | Dresden

Die pädagogischen Aufgaben unserer Kolleginnen und Kollegen im Extra Team Kita können weit über die Begleitung und Förderung von Kindern in Regeleinrichtungen hinausgehen.

Über ihre eigenen Erfahrungen in einem ganz besonderen Umfeld hat unsere Kollegin Michelle Leitenberger mit Franziska John und Imke Schäfer aus unserem Büro in Dresden gesprochen.

Imke Schäfer: Frau Leitenberger, Sie haben im August beim Extra Team Kita angefangen. Wie sind Sie eigentlich auf uns aufmerksam geworden? 
Michelle Leitenberger: Zum ersten Mal habe ich während der Ausbildung an meiner Schule vom Extra Team Kita erfahren. Da wegen Corona meine Praxiszeiten verkürzt wurden, fand ich die Idee, im Rahmen der Beschäftigung bei Extra in relativ kurzer Zeit Praxiserfahrung bei verschiedenen Trägern sammeln zu können, sehr spannend. Außerdem kam mir das Arbeitszeitmodell mit der relativ hohen Flexibilität entgegen.

Imke Schäfer: Ihr erster Dienst begann in einer normalen Kita, die von einem sehr großen Träger betrieben wird. Nach zwei Monaten sind Sie dann in eine Inobhutnahme-Einrichtung in Dresden gewechselt. Wie haben Sie den Wechsel empfunden?
Erst war ich ein wenig traurig, weil ich mich echt gut eingearbeitet hatte und mir auch eigene Verantwortungsbereiche übertragen wurden, die ich auch gerne weitergeführt hätte. Schließlich habe ich dort einige sehr schöne Momente erlebt. Zum Beispiel gab es dort zwei ziemlich aufgedrehte Jungs. Die waren immer so aufgeregt, dass sie nicht dazu gebracht werden konnten, Mittagsschlaf zu halten. Ich habe es dann hinbekommen mit meiner ruhigen Art beide Kinder zu beruhigen, so dass sie gut schlafen konnten. Solche Momente bleiben einfach in guter Erinnerung.
Auf der anderen Seite wollte ich nach meinem ersten Dienst ja aber bewusst neue Erfahrungen sammeln. Und die Möglichkeit in einer Inobhutnahme zu arbeiten war auf jeden Fall eine spannende und besondere Gelegenheit.

Franziska John: Was ist Ihnen denn als Erstes durch den Kopf gegangen, als wir den neuen Dienst mit Ihnen besprachen?
Als erstes sind mir jede Menge Vorurteile in den Kopf geschossen. Bei Inobhutnahmen handelt es sich ja um Aufnahmeeinrichtungen für unbegleitete Flüchtlingskinder. In der Regel kommen diese Kinder aus dem arabischen Raum. Mir hat es geholfen mir bewusst zu machen, dass ich Vorurteile habe. Gerade dadurch konnte ich dann mit den Kindern verhältnismäßig offen und unbefangen umgehen. Tatsächlich wohnen in der Einrichtung ausschließlich Jungs, weil sich Mädchen wohl eher nicht unbegleitet auf die Flucht begeben. Und anders als ich es erwartet hatte, waren die Kinder sehr offen und mir gegenüber auch äußerst respektvoll, wie überhaupt auch gegenüber anderen Menschen, sowohl Frauen als auch Männern. Und man muss ja auch immer bedenken, dass die Kinder auf dem Weg zu uns sicherlich nicht nur angenehme Erfahrungen gemacht haben.

Franziska John: Dass diese Jungs, die ja noch Kinder sind, unbegleitet, also alleine, nach Deutschland geflohen sind, hat doch sicherlich auch Spuren hinterlassen?
Klar. Die Geschichten, die die Kinder erzählen, sind schon ziemlich heftig. Die meisten sind vor dem Krieg geflüchtet. Ein afghanischer Junge hat mir erzählt, dass sein Großvater in der Armee gegen die Taliban gekämpft hat. Und weil seine Familie jetzt bedroht war, hat er sich auf den Weg nach Europa gemacht.

Imke Schäfer: Erzählen die Kinder denn auch, was sie auf der Flucht erlebt haben?
Die Kinder erzählen eher sporadisch über ihre Erlebnisse. Meistens haben sie während ihrer Flucht ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht. Sie erzählen von allgemein schlechter Behandlung durch Menschen, denen sie während der Flucht begegnet sind, bis dazu, dass sie regelmäßig verprügelt worden sind.
Ein syrischer Junge hat mir zum Beispiel erzählt, dass er vor dem Krieg zu Hause durch die Türkei fliehen musste. In der Türkei wurde er dann attackiert und mit einem Messer in den Rücken gestochen.

Imke Schäfer: Wie gehen Sie damit um, dass Ihnen die Kinder solche Erlebnisse berichten?
Das ist schon ziemlich hart für mich, solche Geschichten zu hören. Ich bin ziemlich empathisch und empfinde mit den Kindern, wenn ich solche Dinge hören muss. Ich konzentriere mich dann darauf, die Kinder möglichst gut zu betreuen und ihnen ein Stück Halt zu geben.

Franziska John: Wie können wir uns die Grundstruktur in so einer Inobhutnahme vorstellen?
In der Einrichtung werden zwischen zehn und zwölf Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren betreut. Aktuell kommen die Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan. Wir sind insgesamt zehn Pädagogen, die sich die Schichten teilen.

Franziska John: Sie selber müssen dort ja auch im Schichtbetrieb arbeiten – wie kommen Sie denn damit zurecht?
Wir haben es uns so eingeteilt, dass nachts jeweils eine Betreuerin vor Ort ist. Vormittags sind wir dann meistens zu zweit und nachmittags übernimmt dann eine einzelne Kollegin. Und selbstverständlich betreuen wir die Jugendlichen auch am Wochenende. Aktuell komme ich mit dem Schichtbetrieb gut zurecht und freue mich vor allem über die Erfahrung, die ich gerade sammeln kann.

Imke Schäfer: Ich denke, dass die Jugendlichen eher kein Deutsch sprechen, oder? Wie verständigen Sie sich eigentlich?
Die Jugendlichen sprechen natürlich kein Deutsch, leider aber auch kein Englisch. Anfangs verständigen wir uns mit Gesten und Mimik, was erstaunlich gut funktioniert. Mittlerweile sprechen die Jugendlichen aber auch ein bisschen Deutsch. Das ist übrigens auch eine für mich neue Aufgabe, die Jugendlichen in Deutsch zu unterrichten. Zwar muss ich da manchmal ziemlich improvisieren, aber es macht auch großen Spaß.

Imke Schäfer: Wie lange bleiben denn die Jugendlichen in der Inobhutnahme?
Die meisten bleiben gar nicht so lange. Meistens nicht länger als zwei bis drei Wochen. Lediglich zwei Kinder sind fast drei Monate geblieben. Während ihrer Zeit in der Inobhutnahme haben die Kinder ab und zu telefonischen Kontakt zu ihren Eltern, ansonsten aber sind wir ihre einzigen Bezugspersonen.

Franziska John: Wir hatten ja schon früher einmal davon gesprochen, dass Sie in der Ausbildung eigentlich auf solche besonders herausfordernden Dienste wenig vorbereitet wurden. Auf der anderen Seite haben wir Ihre Praxiserfahrung in einer Vater-Mutter-Kind Wohngruppe für Drogen- und Alkoholabhängige gesehen. Auch das war sicher nicht mit der Arbeit in einer Regeleinrichtung vergleichbar. Konnten Sie Parallelen in Ihrer Arbeit erkennen?
In beiden Einrichtungen habe ich mit Kindern gearbeitet, die tragische Schicksale ertragen mussten. Da in der Vater-Mutter-Kind Wohngruppe auch die Eltern dabei waren, konnte ich mit den Kindern leider nicht so direkt arbeiten wie ich es mir gewünscht hätte. Die Eltern sind halt doch die wichtigste Bezugsperson und es ist dann nicht wirklich leicht, neue positive Erlebnisse zu kreieren, die auch dauerhaft positiv wirken.

Rein von der Arbeit her gefällt mir der Dienst in der Inobhutnahme besser, da ich hier viel offener arbeiten kann. Zwar gehört auch die Arbeit mit Ämtern zu meinen Aufgaben, dennoch habe ich viel mehr Möglichkeiten, pädagogisch zu arbeiten. Ich nutze dabei übrigens stark den gemeinsamen Sport mit den Kindern, vor allem Fußball und Volleyball. Das hilft, eine Beziehungsebene aufzubauen und Sprachprobleme zu überwinden. Die Kinder haben mir Billard beigebracht und ich konnte ihnen UNO beibringen.

Imke Schäfer: Könnten Sie sich denn vorstellen, langfristig in diesem Bereich zu arbeiten?
Grundsätzlich ja, das ist schon wirklich eine erfüllende Aufgabe. Ich empfinde allerdings die Schichtarbeit als ziemlich große Belastung.

Franziska John: Vielen Dank Frau Leitenberger! Sie leisten eine wichtige Arbeit. Wir danken Ihnen sehr für Ihren Einsatz und für das offene Gespräch.

 

Bild: Michelle Leitenberger (rechts) mit Franziska John (links) und Imke Schäfer (Mitte) im Dresdner Extra-Büro.

 

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